Vorbereitungen im Robert Koch-Institut sind abgeschlossen
Es besteht dringender Bedarf, die Gesundheit der heranwachsenden Generation in Deutschland umfassend zu untersuchen und bestehende Informationslücken gezielt zu schließen. Zur Lösung dieser Aufgabe hat das Robert Koch-Institut im Auftrag der Bundesministerien für Gesundheit und Soziale Sicherung (BMGS) sowie für Bildung und Forschung (BMBF) über mehrere Jahre einen repräsentativen und in seiner Komplexität neuartigen Untersuchungs- und Befragungssurvey konzipiert und in einer Pilotphase getestet.
Von Mai 2003 an werden in dieser Studie über einen Zeitraum von drei Jahren bei rund 18.000 Kindern und Jugendlichen zwischen 0 und 18 Jahren Daten zu einem breiten Spektrum gesundheitlicher Themen erhoben (s. dazu Tab. 1). Diese auch im internationalen Maßstab innovative Studie wird kofinanziert vom BMGS, dem BMBF und dem RKI (vertiefende Untersuchungen mit Unterstichproben der Studienteilnehmer werden zusätzlich vom BMU und dem BMFSJ finanziert).
Bei der Entwicklung des Studienkonzeptes und der Erhebungsinstrumente konnten die damit befassten Wissenschaftler im Robert Koch-Institut auf langjährigen Erfahrungen aufbauen, die bei repräsentativen Erhebungen zur Gesundheit der erwachsenen Bevölkerung, Schülerstudien und im Rahmen zahlreicher neuerer themenspezifischer epidemiologischer Projekte gesammelt wurden. Hilfreich war darüber hinaus eine vielfältige Beratung und Unterstützung durch in- und ausländische Experten auf dem Gebiet der Kinder- und Jugendgesundheit. Eine zu Beginn vorgenommene Analyse vorliegender Datenquellen zur Kinder- und Jugendgesundheit hat zum einen beträchtliche Informationslücken ergeben, zum anderen aber auch dazu beigetragen, redundante Erhebungen zu vermeiden und Schnittstellen mit regelmäßig stattfindenden Datenerhebungen wie z. B. den Schuleingangsuntersuchungen zu schaffen.
Nach mehrfacher Begutachtung durch vom BMGS und BMBF bestellte Gutachter sowie nach datenschutzrechtlicher und ethischer Überprüfung wurde das Studienkonzept in einem einjährigen (vom BMBF finanzierten) Pretest erprobt. 1.630 Kinder und Jugendliche wurden an vier Orten Deutschlands in der Zeit von März 2001 bis zum Februar 2002 untersucht und gemeinsam mit ihren Eltern befragt. Ein wissenschaftlicher Beirat begleitete die Pilotstudie. Unter Berücksichtigung der Ergebnisse und Erfahrungen des Pretests, der Empfehlungen des wissenschaftlichen Beirats und der Gutachterauflagen entstand ein ausgereiftes Konzept für einen Gesundheitssurvey, das auf einem öffentlichen Symposium am 17.6.2002 vorgestellt
wurde. Es ist in der Zeitschrift Das Gesundheitswesen ausführlich dargestellt: „Kinder- und Jugendgesundheitssurvey - Konzepte, Ziele, Inhalte, Instrumente, Pretest“
(Gesundheitswesen 64 (2002), Sonderheft 1).
Die Erhebungsinstrumente des Surveys sind
- eine schriftliche Befragung der Eltern und von 11 Jahren
an auch der Kinder und Jugendlichen,
- ein computergestütztes ärztliches Interview (CAPI) sowie
- ein Untersuchungsprogramm, das Messungen des Blutdrucks,
Tests der Fein- und Grobkoordination (bis 10 Jahre) sowie der Ausdauerleistungsfähigkeit im Alter zwischen 11 und 18 Jahren, Schilddrüsensonografie, Hautinspektion mit Schwerpunkt atopische Dermatitis, anthropometrische Messungen sowie Blut- und Urinuntersuchungen umfasst.
Ermittlung der Teilnehmer: Die rund 18.000 Teilnehmer werden in 150 für Deutschland repräsentativ ausgewählten Gemeinden aus dem Einwohnermelderegister durch ein Zufallsverfahren ermittelt.
Durchführung der Untersuchungen vor Ort
Drei Untersuchungsteams, jeweils geleitet durch eine Kinderärztin, werden nach einer umfangreichen Schulung am RKI mit anschließender Zertifizierung ab Mai 2003 einem festgelegten Plan folgend durch Deutschland reisen und in jeder teilnehmenden Gemeinde zwei Wochen lang die ausgewählten Kinder und Jugendlichen untersuchen. – Die Arbeit der Teams und die Funktion der Logistik wird durch eine interne (RKI) und externe Qualitätskontrolle (gsf München) ständig überwacht und qualitätsgesichert. Die gesamte Studie wird wiederum durch einen wissenschaftlichen Beirat begleitet.
Das Projekt ist modular aufgebaut:
Der Kernsurvey erhebt zu einem breiten Spektrum gesundheitlicher Anliegen vor allem Eckwerte. Drei Zusatzmodule ermöglichen an Unterstichproben zusätzliche vertiefende Untersuchungen
- zur psychischen Gesundheit und zum Verhalten (Universität
Hamburg-Eppendorf und Robert Koch-Institut),
- zur motorischen Entwicklung und Kompetenz (Universität
Karlsruhe) sowie
- zu Umweltbelastungen im unmittelbaren Lebensumfeld
der Probanden (Umweltbundesamt).
Die Gesundheitsministerien aller Bundesländer wurden im Vorfeld wiederholt über die Möglichkeiten einer Stichprobenaufstockung in den Ländern informiert. Damit würde gegebenenfalls die Repräsentativität der erhobenen Daten auch auf Ebene der Bundesländer ermöglicht. In Anbetracht bundesweit angespannter Haushaltslagen ist es bislang noch zu keinem konkreten Abschluss gekommen, Interessensbekundungen liegen vielfach vor.
Um sich grundsätzlich die Möglichkeit offen zu halten, dieselben Probanden zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu untersuchen, wird von den Probanden vorsorglich das Einverständnis mit einer erneuten Kontaktaufnahme durch das Robert Koch-Institut eingeholt.
Im Vorfeld wurde und wird versucht, durch umfangreiche Öffentlichkeitsarbeit eine positive Grundeinstellung der Bevölkerung zu dieser Studie zu erlangen. Gesundheitsämter und weitere Vertreter des ÖGD sind ebenso Bündnispartner wie niedergelassene Ärzte, Kinderärzte, Krankenkassen und Bürgervereinigungen zu speziellen gesundheitlichen Belangen. Besondere Anstrengungen werden unternommen, Migrantenkinder angemessen in die Studie einzubeziehen. Dazu gehört spezielle Medienarbeit, ein für Familien mit ungenügenden Sprachkenntnissen entwickeltes Einladungssystem, übersetztes Informationsmaterial und Fragebögen in den 5 häufigsten Sprachen in Deutschland. Zur Auswertung: Für die Datenanalysen und deren Rahmenbedingungen existiert ein Auswertungskonzept, das sowohl eine breite Beteiligung der Fachwelt als auch eine zeitgerechte Präsentation der Ergebnisse und die Umsetzung wichtiger Erkenntnisse sicherstellen soll. Die bereits aus der Phase der Konzeptentwicklung entstandenen vielfältigen Kooperationsbeziehungen sollen in der Auswertungsphase fortgesetzt werden. Spätestens ein Jahr nach Beendigung der Felduntersuchungen soll ein erster Band mit Grundauswertungen veröffentlicht und werden. Die Daten werden, so wie bisher bei allen Surveys des Robert Koch-Instituts, als Public Use File der Fachwelt zur Verfügung gestellt. Nach den Erfahrungen aus dem Pretest ist mit einem guten Rücklauf und einer adäquaten Abbildung der derzeitigen gesundheitlichen Situation von Kindern und Jugendlichen in Deutschland zu rechnen. Damit werden sowohl Ansatzpunkte für Prävention und gesundheitspolitische Schwerpunktsetzungen als auch solide Daten für eine Gesundheitsberichterstattung im Kindes- und Jugendalter sowie die Voraussetzungen für die Entdeckung, Beschreibung und Bewertung künftiger Trends geschaffen.
Themenfelder des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys
Körperliche Gesundheit, Krankheiten
Allgemeines, körperliche Entwicklung
Akute und chronische Krankheiten
Verletzungen durch Unfälle
Behinderungen
Schwangerschaft, Geburt
Angeborene Fehlbildungen
Psychische Gesundheit, Wohlbefinden
Psychisches Wohlbefinden
Psychische Krankheiten, z.B. Depression
Verhaltensauffälligkeiten, z.B. ADHS
Gesundheitsbezogene Lebensqualität
Schmerzen
Soziales Umfeld, Lebensbedingungen
Soziodemographie
Soziale Ungleichheit
Soziale Kontakte, soziales Netz
Schutzfaktoren, personale Ressourcen
Familie, Lebensumfeld
Freizeitaktivitäten
Gesundheitsverhalten, Gesundheitsrisiken
Ernährung
Stillanamnese
Essstörungen
Adipositas
Rauchen, Alkohol-, Drogenkonsum
Körperliche Aktivität/motorische Kompetenz
Medizinische Versorgung
Impfstatus
Inanspruchnahme ambulanter Leistungen
Inanspruchnahme stationärer Leistungen
Behandlungen
Medikamentenkonsum
Krankenversicherung
Tab. 1: Themenfelder des Kinder- und Jugendgesundheitssurveys
Bericht aus der Abteilung Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung des RKI. Das Projekt Kinder- und Jugendgesundheitssurvey wird geleitet von Frau Dr. B.-M. Kurth, für die Öffentlichkeitsarbeit ist Herr M. Thamm zuständig (E-Mail: ThammM@RKI.de, Tel.: 030 . 45 47–32 04).
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