Epidemiologisches Bulletin 15.04
Der Kinder- und Jugendgesundheitssurvey des Robert Koch-Instituts (KiGGS) wird umfassende Daten zur gesundheitlichen Situation der heranwachsenden Generation in Deutschland bereitstellen und damit eine zuverlässige Grundlage sowohl für epidemiologische Forschungen als auch für die Gesundheitsberichterstattung und Gesundheitspolitik schaffen (s. a. Epid. Bull. 14/03 und 29/03). In KiGGS werden zudem Informationen erhoben zur
- Einkommenssituation des Haushaltes
- Konstellation der Familie
- Wohnsituation
- Situation in der Kindertagesstätte oder Schule sowie
- Freizeitgestaltung
So lässt sich die Gesundheit der Heranwachsenden im Kontext ihrer Lebenslage betrachten, es können Aussagen über die soziale Ungleichheit in Bezug auf Gesundheitschancen und Krankheitsrisiken getroffen werden. Bisherige Studien zeigen, dass Kinder und Jugendliche aus sozial schwächeren Familien mehr als andere von akuten und chronischen Erkrankungen, psychosomatischen Beschwerden, Behinderungen und Unfallverletzungen betroffen sind. Sie neigen eher zu gesundheitsriskanten Verhaltensmustern, sind stärkeren Belastungen und Konflikten ausgesetzt und verfügen über geringere soziale und personale Ressourcen, um sie zu bewältigen. Außerdem werden sie von vielen präventiven und gesundheitsfördernden Maßnahmen und Programmen schlechter erreicht.
Um gesundheitspolitisch relevante Problemlagen kenntlich zu machen, werden in KiGGS zwei einander ergänzende analytische Zugänge verfolgt, die bereits bei der Konzeption der Erhebungsinstrumente berücksichtigt wurden. Der erste Zugang erschließt sich über die soziale Schichtzugehörigkeit des Haushaltes, die anhand von Angaben der Eltern zu ihrem Bildungsniveau, ihrer beruflichen Stellung und dem Haushaltsnettoeinkommen ermittelt wird. Für die Einordnung dieser Merkmale wurden die Empfehlungen der Deutschen Arbeitsgemeinschaft für Epidemiologie (DAE) zugrunde gelegt. Um die Sozialschicht des Haushaltes mehrdimensional abzubilden, wird der Winkler-Index verwendet, der für den Bundes-Gesundheitssurvey 1998 entwickelt wurde und seitdem breite Anwendung in der epidemiologischen Forschung findet. Unterschieden werden drei soziale Schichten: untere, mittlere und obere Schicht. Diese Unterscheidung vermittelt einen guten Eindruck über den sozialen Hintergrund von Kindern und Jugendlichen und erlaubt Analysen zu schichtspezifischen Unterschieden im Gesundheitszustand der heran-wachsenden Generation. In Ergänzung und Erweiterung dieses Blickwinkels wird der Lebenslagenansatz verfolgt. Er zielt auf die Unterversorgung in den zentralen Bereichen des Lebens und beschreibt insbesondere die Anhäufung von Versorgungsdefiziten als Ausdruck einer benachteiligten Lebenslage. In KiGGS werden unter diesem Gesichtspunkt die Lebensbedingungen und Teilhabechancen in den Bereichen Familie, Wohnen, Freizeit und Gleichaltrigengruppe sowie Kindergarten, Vorschule bzw. Schule betrachtet. Hier ist z. B. von Interesse, ob die Kinder und Jugendlichen mit beiden Eltern oder nur einem Elternteil zusammenleben, mit oder ohne Geschwister aufwachsen, ob sie ein eigenes Zimmer haben, wie ihre schulischen Leistungen sind, wie sie ihre Zukunfts-perspektiven einschätzen, ob sie Freunde haben und welche Aktivitäten sie im Freundeskreis unternehmen. Durch eine Kombination dieser Merkmale lassen sich spezifische Lebenslagen und Muster der sozialen Teilhabe abbilden, die unter Berücksichtigung weiterer Merkmale wie Alter, Geschlecht oder Migrantenstatus konkretisiert werden können. Durch Verknüpfung beider Zugänge lässt sich z. B. zeigen, inwieweit die ermittelten Lebenslagen schichtspezifisch geprägt sind oder auch unabhängig von der Schichtzugehörigkeit Bedeutung erlangen.
Sobald die KiGGS-Daten zur Verfügung stehen, sind Analysen geplant, die schicht- und lebenslagenspezifische Gesundheitschancen und Kranheitsrisiken aufzeigen sollen. Nur so lässt sich die Planung und Umsetzung von gesundheitspolitischen Interventionen unterstützen, die nicht allein auf allgemeine Verbesserungen der gesundheitlichen Situation, sondern auch auf eine Verringerung der gesundheitlichen Ungleichheit in der heranwachsenden Generation zielen.
Mitteilung aus der Abteilung für Epidemiologie und Gesundheitsberichterstattung des RKI. Anfragen zu KiGGS unter: KiGGS@RKI.de.
Lampert T, Schenk L, Stolzenberg H: Konzeptualisierung und Operationalisierung sozialer Ungleichheit im Kinder- und Jugendgesundheitssurvey. Das Gesundheitswesen 2002; 64 (Sonderheft 1): S. 48–52.
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