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Wir sind besiedelt!
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Wir sind besiedelt!

Im Biotop Mensch ist der Mensch in der Unterzahl.
Kein Mensch ist allein. Er ist ein Ökosystem. In unserem Körper zählt man Billionen von Zellen. Rund 90% von ihnen sind aber nicht menschlich, sondern sie gehören zu jenen Geschöpfen, denen die Evolution den Menschen zugewiesen hat: als Nahrungsmittel und Schlafplatz, Hochzeitsmarkt und Raststätte. Bakterien stellen das Gros; allein auf der 1,6qm großen Haut eines Menschen schwimmt die Amöbe Entamoeba gingivalis, in den Poren unseres Gesichts die wurmähnliche Milbe Demodex folliculorum. Schließlich existieren auch Flöhe, Fliegen, Wanzen, Egel, Zecken im Habitat Mensch.

Wir sind besiedelt! Ins Positive gewendet: Kein Mensch ist allein und war jemals allein.
Das wirkt sich unweigerlich auf das Bild des Menschen aus. Wenn wir in unserem Körper nur eine Art unter Hunderten stellen, kann keine Rede mehr davon sein, Homo sapiens sei die mächtigste Spezies. Falls Außerirdische jemals einen Menschen treffen sollten, würden sie ihn vermutlich als Ansammlung vieler kleiner Lebewesen bezeichnen, die sich auf einem ziemlich großen niedergelassen haben. Angesichts der Mehrheitsverhältnisse in uns und auf uns stellt sich die Frage, wer hier wessen Untertan ist. Hat der Mensch wirklich das Tier domestiziert? Oder haben Geschöpfe wie Kopfläuse und Amöben den Menschen gezähmt? Eines ist sicher: der Mensch meistert die Fährnisse des Lebens nicht allein; vielmehr hat sich da in den vergangenen Jahren eine ungemein bunte Lebensgesellschaft gefunden, in der immer was los ist. Erst in vergleichsweise kurzer Zeit, in der Steinzeit, ist die Kleiderlaus zu uns gestoßen. Der echte Menschenfloh dagegen, eben noch begafftes Zirkustierchen, findet sich mittlerweile auf der Liste der vom Aussterben bedrohten Arten.

Einige unserer Bewohner gehören zu den gefährlichsten Tieren der Welt, übertragen sie doch Malaria, Typhus, Gelbfieber und die Pest. Chlamydien scheinen Herzinfarkte zu begünstigen, bestimmte Mundbakterien bewirken Karies, und die säurefesten Mikroben Helicobacter pylori fressen uns Geschwüre in der Magen. Der Keim Mikrococcus sedentarius schließlich steht im Verdacht, käsigen Fußgeruch zu verbreiten.

Doch die allermeisten sind harmlose Tischgenossen, Kommensalen. Mehr noch. Ortsansässige Bakterien bilden auf der Haut eine Schützenlinie, um schädliche Mikroorganismen abzuwehren. Im Darm wiederum assistieren Bakterien bei der Verdauung und versorgen die Menschen mit lebenswichtigen Vitaminen. Dieses dichte ökologische Miteinander in gut und böse unterteilen zu wollen, wäre vermessen.

Als hätten sie dies geahnt, sind unsere Vorfahren mit ihren Bewohnern weit gelassener umgegangen. Ötzi ertrug einen Peitschenwurm namens Trichuris und andere Plagegeister. Noch vor 200 Jahren verstieß es nicht gegen die guten Sitten, auch in vornehmster Gesellschaft mit einem Flohglas nach Ungeziefer zu suchen. Heute empören wir uns, wenn eine Mücke unser Blut trinkt. Denn Körpersäfte sind das geheimste, was wir austauschen können. Doch schlagen wir dann die vollgesogene Mücke voller Rachsucht tot, haben wir vornehmlich uns selbst totgeschlagen, denn mehr als die Hälfte des Flecks auf der Tapete besteht aus unserem eigenen Blut.

Von Jörg Blech, aus „Das Leben auf dem Menschen- die Geschichte unserer Besiedler“ von Jörg Blech enthalten (Rowohlt-Verlag, 2000)

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